AB 11_2.1

Thema: Zucker – ein Politikum?


zurück zur Übersicht: Arbeitsblätter (AB) Kapitel 2

Eine Alternative zum Haushaltszucker, die schon seit einigen Jahren zu Diskussionen führt, ist die Isoglucose, auch High Fructose Corn Sirup (HFCS oder HFS oder HFC) genannt. Manchmal wird als Abgrenzung zum Invertzucker (siehe AB 10_2.1 Zuckeralternativen) auch von Glucose-Fructose-Sirup gesprochen.

Bei dem HFCS handelt es sich um ein Gemisch von Glucose und Fructose, wobei die Fructose einen deutlich höheren Anteil hat. Ausgangspunkt ist meistens Mais.
Nach dem Mahlen der Maiskörner entsteht zunächst ein Mehl, das mit dem Enzym α-Amylase versetzt wird. Es entsteht dickflüssiger Brei, ein Gemisch aus kürzeren und längeren Kohlenhydrateinheiten (Di-, Oligosaccharide).
In einem zweiten Schritt werden diese Bausteine durch das Enzym Amyloglucosidase hydrolysiert und es bildet sich ein Glucose-Sirup.
Schließlich wird durch Einsatz eines dritten Enzyms (Glucoseisomerase) ein großer Teil – bis zu 90% – der entstandenen Glucose in Fructose umgewandelt.
Da Fructose eine höhere Süßkraft als Glucose besitzt, erreicht man durch die Erhöhung des Fructoseanteils in dem Gemisch aus Glucose und Fructose eine stärkere Süße bei gleicher Gesamtmenge.
Den gesamten Prozess nennt man „Stärkeverzuckerung“.Damit ist HFCS interessant für die Lebensmittelindustrie, nicht zuletzt deshalb, weil Mais als Rohstoff in großen Mengen zur Verfügung steht. Diese Art der Zuckergewinnung wird damit preisgünstiger, als die auf der Grundlage von Zuckerrüben oder Zuckerrohr.

HFCS kann in folgenden Produkten zur Süßung eingesetzt werden: Süß- und Backwaren, Bonbons, Gummibärchen, Pralinen, Marmelade, Süßspeisen Speiseeis, Erfrischungsgetränken, Tomatenketchup u.a.

In den USA hat HFCS in vielen Bereichen die Saccharose als Süßungsmittel verdrängt.
In Europa ist die Verwendung von HFCS – hier meistens als Isoglucose oder Glucose-Fructose-Sirup deklariert – nach der EU-Zuckermarktverordnung noch beschränkt. Im Diese Verordnung gilt bis 2016/2017. Es ist damit zu rechnen, dass Isoglucose danach einen starken Marktzuwachs erfährt. Kritiker von HFCS sehen dabei nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Zuckerindustrie gefährdet.

Neben der Tatsache, dass die zur Produktion von HFCS eingesetzten Enzyme mit Hilfe gentechnisch veränderter Mikroorganismen gewonnen werden, wird über HFCS noch aus einem anderen Grund diskutiert.

HFCS wird verdächtigt, für die zunehmende Fettleibigkeit, vor allem bei Kindern und Jugendlichen, verantwortlich zu sein. Grundlagen dieser Annahme waren zum einem empirische Erhebungen von Medizinern nach steigendem Einsatz von HFCS in der Lebensmittelindustrie. Zum anderen zeigten z.B. Tierversuche mit Ratten Kennzeichen von größerer Fettleibigkeit und anderen Organschäden bei vermehrter Aufnahme von HFCS.

Vermutet wird, dass die über die Leber verstoffwechselte Fructose dafür verantwortlich ist.

Abb. AB 11_2.2-1 Stärkeverzuckerung

Abb. AB 11_2.2-1 Stärkeverzuckerung

Gegen diese Vorwürfe wendet sich vor allem die Stärkeindustrie in den USA. Ein Vergleich von herkömmlichen Zucker – Saccharose – und HFCS stellt sich aus ihrer Sicht folgendermaßen dar:

  • Der einzige Unterschied zur Saccharose ist, dass HFCS Wasser enthält.
  • Saccharose wird ebenfalls enzymatisch im Magen-Darmtrakt zu Glucose und Fructose zerlegt und es entsteht das gleiche Gemisch wie bei HFCS.

Diese Aussagen sind fachlich korrekt, allerdings ist der Fructoseanteil bei der Zerlegung von Saccharose im Organismus geringer, als der in HFCS. Außerdem geht es darum, dass mit den vielen mit HFCS angereicherten Lebensmitteln zuviel von diesem Gemisch und damit auch von Fructose aufgenommen wird.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht nicht darum, dass ein gesunder Mensch reichlich Obst isst, das natürlicherweise Fructose enthält!

Leider muss zur Zeit davon ausgegangen werden, dass es noch keine eindeutige Beweisführung auf biochemischer bzw. stoffwechselphysiologischer Ebene dafür gibt, ob und wenn ja, worin eventuelle Ursachen für die von den Kritikern befürchtete negative Wirkung von HFCS liegt. Empirische Untersuchungen und Beobachtungen aus Experimenten scheinen bisher für eine Beschränkung oder sogar ein Verbot der Verwendung von HFCS nicht auszureichen.

Dieses musste auch Mexiko erfahren. Seit Beginn der 90ger Jahre exportierten US-Firmen zunehmend Süßigkeiten und Limonaden in das Land, die unter Verwendung von HFCS hergestellt worden waren. Der Konsum nahm vor allem bei Kindern und Jugendlichen zu. Mediziner wiesen auf die Zunahme von Übergewichtigen und das steigende Risiko von Diabetes hin. 2001 belegte Mexiko alle Produkte, die mit HFCS gesüßt wurden mit einer zusätzlichen Steuer von 20%.
Im Jahre 2003 verklagte der US-Konzern „Corn Products International (heute: Ingredion)“ den Staat Mexiko auf entgangene Gewinne von 325 Mio. Dollar. Rechtsgrundlage war das zwischen Mexiko und den USA abgeschlossene Handelsabkommen NAFTA. Ein geheimes Schiedsgericht* verurteilte Mexiko zur Rücknahme der Zusatzsteuer und zur Zahlung eines Schadenersatzes von 58 Mio. Dollar.

*In Zusammenhang mit einigen Handelsabkommen zwischen Ländern werden bei Problemen nicht staatlichen Gerichte aktiv, sondern so genannte geheime Schiedsgerichte. Bei dem z.Zt. verhandelten TTIP – geplanten Handelsabkommen zwischen den USA und der EU – ist noch nicht entschieden, ob es auch hier bei diesen geheimen Schiedsgerichten bleibt.

IconAufgabe
  1. Erläutere die Problematik der Herstellung und des Gebrauches von HFCS in eigenen Worten. Verwende dazu weitere Quellen (siehe u.a. angegebene Links).
  2. Bewerte HFCS in Hinblick auf die Wirkung von Glucose bzw. Fructose auf den Blutzuckerhaushalt (siehe Arbeitsmaterialien Kap. 3.1).
  3. Bewerte HFCS in Zusammenhang mit „Fructoseintoleranz“ (siehe AB 6_2.1 Früchte können auch Beschwerden machen“).
IconLink

Die folgenden Links bieten einige Quellen zum Weiterlesen bzw. Informieren und Diskutieren bezüglich HFCS an.
Sie sind nicht geordnet und zum Teil in englischer Sprache.

Deutsch:

http://www.springermedizin.at/artikel/adipositas-herausforderung (Zugriff: 2016-01-10)
http://www.bfr.bund.de/erhoehte_aufnahme_fructose_diabetiker.pdf (Zugriff: 2016-01-10)
http://www.badische-zeitung.de/maissirup-usa-dickmacher.html (Zugriff: 2016-01-10)
http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=7027 (Zugriff: 2016-01-10)
http://www.transgen.de/search?transgen_search=isoglukose (Zugriff: 2016-01-10)

Englisch:

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20219526 (Zugriff: 2016-01-10)
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24267044 (Zugriff: 2016-01-10)
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23493538 (Zugriff: 2016-01-10)
http://www.fda.gov/Food/AdditivesIngredients/ucm324856.htm (Zugriff: 2016-01-10)
http://www.academicjournals.org/article/Parker et al.pdf (Zugriff: 2016-01-10)

Icon_Film https://www.youtube.com/watch?v=sh4yooZpYLE (Zugriff: 2016-01-11)

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